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Ein Dieb

Ich begann sehr früh ein Dieb zu werden,
vielleicht mit vier oder fünf Jahren.
Allerdings wurde es mir erst sehr viel später bewusst.
Eines Nachmittags vertrieb mich mein Großvater wieder einmal mit den Worten
„jetzt ist Schluss, hör endlich auf, mir die Zeit zu stehlen."
Viele Male hatte ich das  schon gehört und nicht nur von ihm, doch an diesem
Nachmittag lag noch etwas anderes in seiner Stimme.
Es war nicht nur die übliche Abwehr, die er mir mit seinen Worten entgegenwarf.
Gleichzeitig spürte ich die tödliche Müdigkeit, die sich in seiner Kehle ausbreitete
und ihn daran hinderte, die Worte kraftvoll und bestimmt auszusprechen.
Und dieses Mal, zum ersten Mal, sah ich nicht meinem Großvater in die Augen,
sondern dem Alter, das mit gelbgefärbten Zähnen ohnmächtig ein nahes Sterben zu
vertreiben suchte.
Ich erschrak erst abends.
Vor dem Spiegel unseres Badezimmers stehend, wusste ich auf einmal, dass ich es
war, der ihm die Zeit gestohlen hatte.
Ich hatte sie genommen, für mich verwendet und ein verbrauchtes, sterbendes
Gesicht ihm hinterlassen.
„Ich werde sie dir wieder zurückgeben" dachte ich und schlich nach einiger Zeit
in das Zimmer meines Großvaters.
Es war dunkel, und kaum konnte ich die Konturen seines dürren Körpers in dem
großen Bett erkennen.
Nur ganz leise waren die leichten Atemzüge seines erschöpften Schlafes wahrnehmbar
und der Geruch des Alters lag hartnäckig und widerspenstig in der Luft,
als wollte er boshaft lachend sagen >komm du nur, was willst du, ich bin ja doch schon
längst hier und werde ihn nicht mehr verlassen.<
Durch eine schmale Ritze in den herabgelassenen Jalousien schickte der Mond einen
fahlen Gruß auf das Gesicht meines Großvaters und ich konnte seinen leicht
geöffneten Mund erkennen.
Ich werde sie dir wieder zurückgeben, Großvater, dachte ich, und mit sorgsam
geschlossenen Fingern ließ ich behutsam aus meiner gewölbten Hand die Luft der
Zeit in seinen Mund hinabfließen.
Leise und vorsichtig stand ich so lange Zeit vor meinem Großvater.
Aus meiner heißen Hand spürte ich Tropfen für Tropfen die Zeit rinnen
und begleitete mein Tun nur mit diesem einen Gedanken  „nimm sie dir zurück,
deine Zeit, hier hast du sie wieder."
Ich verließ sein Zimmer kurz vor dem Morgengrauen und der flache, müde Ton seiner
Atemzüge geleitete mich bis an seine Tür.
Als wir ihn am nächsten Morgen wecken wollten,
war sein Mund weit geöffnet, wie auch seine starren Augen. 
© Mona-Elena Weinhart

 

 

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